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Zur Situation der Jazz-Szene im Rhein-Neckar-Bereich
Text von 1999

Arbeitspapier mit kommentierten Diskussionsvorschlägen, in Auftrag gegeben von der IG-Jazz für ein IG-Jazz-Symposium zum Thema, das im April 1999 stattfand (Original-Text)

Scan-Kopie einer Telephonkarte mit einem Farbphoto der Alten Feuerwache Mannheim

 

Daß es „Jazzmusiker“ als Haupt-Beruf gibt, ruft bei weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor so ungefähr gelindes bis ungläubiges Erstaunen hervor - wenn das als Thema denn einmal zur Sprache kommt. Mit der Formulierung „nach wie vor“ meine ich, daß sich nach meiner persönlichen Berufserfahrung hieran (zumindest) in den letzten gut fünfzehn Jahren eigentlich nichts geändert hat. Meist kommen nach meiner Antwort auf die Frage nach dem Beruf fast reflexartig Äußerungen, die mehr oder weniger deutliche Skepsis darüber enthalten, daß man von so etwas überhaupt leben könne. Das Thema ließe sich fortführen...
Die vorherrschende Auffassung, Jazzmusiker zu sein, sei eine Art Hobby oder bestenfalls ein Nebenberuf, rührt vielleicht auch ein wenig daher, daß die gesamte Praxis des „Jazz-Business“ großenteils in ebendiesem Stil betrieben wird. Und zwar nicht nur auf der Seite der Veranstalter.

Es geht mir hier nicht darum, daß mal wieder besprochen würde, wie schwierig es sei, Arbeitsmöglichkeiten zu bekommen bzw. zu beschaffen, weil aus Sicht der Musiker das Management der Kneipenveranstalter-Szene oder der von ehrenamtlichen Mitarbeitern dominierten Club-Szene unprofessionell sei, zäh in Kommunikation und Umgang und man dort ansonsten nichts weiter im Sinn hätte, als die Gagen zu drücken und so weiter.
Es sollte zur Diskussion stehen, daß Musiker selbst einen ordentlichen Teil dazu beitragen, das vorherrschende Bild von „Jazz als Hobby“ zu befestigen, insbesondere wenn sie aus freien Stücken für Gagen zu arbeiten bereit sind, die unter dem mehr oder weniger üblichen Minimum liegen. Leitsatz also: „Wenn man davon nicht leben kann, ist es auch kein Beruf“. So einfach ist das. Oder etwa nicht? Das würde ich gern als Diskussionsgrundlage vorschlagen.


Klagen von „Profis“ über gewisse „Amateure“, die Preise verderben, gibt es ja schon lange. Nach meiner Kenntnis bezog sich das bislang aber eher auf Vorgänge in der Dixieland-/Oldtime-Jazz-Szene, auf der sich bereits in der Nachkriegszeit aus ambitionierten Amateuren hier und dort so eine Art Akademiker-Bierjazz-Hobby-Fraktion entwickelt hat. Es gab dann wohl spätestens in den Sechzigern allerhand pauschale Kritik an den „Amateuren“, die für freie Getränke gejazzt haben (was den Veranstalter mitunter teurer kommen konnte als die eigentliche Gage). In einer Zeit, als der Bedarf an Live-Musik relativ hoch war und die Musiker-Szene noch nicht so überlaufen, sodaß beinahe jeder, der ein Instrument richtigrum hielt und nicht vergessen hatte, das Preisschild vorher abzumachen, zu oft ansehnlichen Gagen Gigs spielen konnte, ist das auch verständlich.
Allerdings gibt es in dieser Szene auch - und sagen wir gleich: in der dafür mehr oder weniger spezifischen Altersgruppe - das Pendant in Form von Leuten, die zum Beispiel über Beziehungen in ihrem ehrenwerten, mehr oder weniger lukrativen Hauptberufsleben an Ressourcen von Gigs kommen, die einem Profi-Jazzmusiker ohne Bekanntschaften mit solchen Amateuren ziemlich verschlossen blieben. Letztere sind oft erfahrene Geschäftsleute und haben oft einen anderen Stil bei Gagen-Verhandlungen. Es gibt da zwar auch eine "Bandbreite", die so ungefähr auf der Seite beginnt, daß man offenbar Hemmungen hat, für sein Hobby auch noch vernünftiges Geld zu verlangen, aber viele "Amateure" können besser über seriöse Gagen reden (und sie obendrein bekommen), als mancher "Profi"-Musiker. Es sei noch am Rande hinzugefügt: auch gibt es da Leute unter den "Amateuren", von denen sich der eine oder andere „Profi“ in musikalischer Hinsicht eine Scheibe abschneiden könnte.
Stellen wir uns nun einmal vor, daß ein schlagzeugspielender Geschäftsführer der Firma X über seine berufsspezifischen Verbindungen zur lokalen Industriellenszene gebeten wird, zum 60. Geburtstag vom Aufsichtsratsmitglied Dr. Vetternschulze aufzuspielen („As Time...“, „Take Five“ und - für die Damen „Girl Vom Unternehmer“ - etcetera & Co. KG; wer kann sich darunter etwa nichts vorstellen ..?). Der Geschäftsführer weiß also nicht nur, was man heutzutage verdienen sollte, um einen angemessenen Lebensstandard zu halten, sondern würde sich samt seiner Band in den Augen des Dr. Vetternschulze lächerlich machen, wenn er sich und die Band „für´n Klicker un´n Knopp“ anbietet. Was nix kostet, taugt auch nix - geschult in dieser Denkweise hat er den Stil inclusive der Courage, ganz nonchalant über seriöse Gagen-Beträge zu sprechen. Er hat natürlich auch ein Gespür für "zu hohe" Forderungen.
Sehr vielen Profi-Jazzmusikern fehlen alle diese Eigenschaften, Erfahrungen usw. - was in der Tat ein Fehler ist. Ein beruflich freischwebender Jazzer ist bei solchen Gigs in aller Regel sowieso sideman, der angerufen wurde, nachdem sieben von den eigentlichen Kollegen schon mit Möbelhauseröffnungen oder dem Produkt-Feature des neuen Citroën und einer Silbernen Hochzeit belegt waren. Er gehört nicht recht dazu, weil er zu viel und zu modern spielt und das Thema von „Petit Fleur“ nicht kennt. Und eben „Profi“ ist, also keinen Beruf hat. Man bleibt halt lieber unter sich.

Jetzt mal wieder im Ernst: natürlich versucht (seit jeher) jeder noch halbwegs lebenswillige Jazzmusiker die Gagen in „seiner“ Szene nach oben zu drücken. Es ist wohl müßig, zu erklären, daß es noch andere Gründe dafür gibt, daß „übliche“ Jazz-Gagen so niedrig sind, als den, daß von den Musikern keine höheren gefordert würden.
Wie im Prinzip schon gesagt - zu diskutieren ist vor allem, daß immer häufiger die „üblichen“, ohnehin niedrigen Jazz-Gagen unterboten werden, wobei das Unterbieten mitunter richtig grobe Formen annimmt.

Vielleicht sollte man eine Diskussion von vornherein nur auf den „100-bis-150-Mark Gig-Bereich“ und die „Moral des Gagen-Minimums“ focussieren.
Dies war übrigens in meinen persönlichen Anfängen die (längst) übliche Gagenhöhe, wobei der „150-Mark-Gig“ schon recht „edel bezahlt“ war (der Unterschied war so um anno `82 noch richtig deutlich spürbar). Man konnte von durchschnittlich fünf bis sieben Gigs pro Monat immerhin so und so wohnen und leben. Und zum Beispiel Musik studieren. (Daß vergleichbare Möglichkeiten z. B. für Musikstudenten von heute (also 1999) irgendwie unwichtig sein sollten, wäre mir nicht einleuchtend.)
Der Knackpunkt ist: es wurde praktisch nie weniger gezahlt. Das Gagen-Minimum ließ sich seither zwar nicht gerade wesentlich erhöhen (was ja praktisch auch einem Preisverfall gleichkommt); zur Zeit scheint jedoch diese „Moral des Minimums" so langsam endgültig in die Binsen zu gehen.
Bezahlt haben diese Gagen damals aber die gleichen, wo nicht gar die selben Veranstalter wie heute. Den „historischen Vergleich“ meinte ich nämlich auch als Antwort auf die immer wiederkehrende Diskussion um die vorgebliche Unmöglichkeit, aus den Eintrittsgeldern in der beliebigen Kneipe X ein Live-Jazz-Programm zu finanzieren. Diese Diskussion führen in einer Art vorauseilendem Gehorsam die Musiker oft schon selbst, ohne erst noch auf das entsprechende „kaufmännische Wimmern“ des Wirtes zu warten. Letzteres scheint mir manchmal auch dazu zu dienen, zu verschleiern, daß der Deal oftmals garnicht ausschließlich darin besteht, aus Eintrittsgeldern eine Band zu finanzieren und an der Bewirtung zu verdienen, sondern darin, mit einem Jazz-Live-Programm ganz simpel zu einer äußerst preisgünstigen, permanenten Werbung in den lokalen Medien zu kommen. Erstaunlich viele Jazzmusiker haben Schwierigkeiten, diese Seite der Medaille ihrer Begriffswelt zuzuordnen. Ich glaube, es würde Zeit, es endlich mal zu kapieren.
Daß es naiv wäre, bei jedem Veranstalter reinen (kulturellen) Idealismus zu vermuten, würde zum Beispiel jeder, sagen wir mal SPD-Gewerkschafter wissen - den Spruch: „der Unternehmer gibt nichts ohne Not“ habe ich jedenfalls aus solchen Kreisen vernommen; er scheint dort eine gewisse Tradition zu haben (oder es ist ein Zitat?). Überall wollen kommerzielle Veranstalter Jam-Session-Reihen aufziehen, weil sie immerhin - wenn schon sonst nichts über Jazz - mitbekommen haben, daß eine Jam-Session nochmals billiger ist als ein regulärer Gig.

Ich glaube, man muß insbesondere über (freiwilliges) „Gagen-Dumping“ auf der Ebene der lokalen Jazz-Szene unter Musikern in´s Gespräch kommen, wenn man nicht zu viele Möglichkeiten, von der Musik zu leben, aus der Hand verlieren will - schließlich gibt es die Problematik ja nicht nur hier im Rhein-Neckar-Bereich.
Ich wünsche mir selbst auch (schon lange), eine Art „Club mit Treffpunkt-Charakter“ zu haben, wo man jammen und „aushängen“ kann, keine Techno-Pop-Berieselung ertragen muß, um den meine jetzige oder künftige Freundin keinen Bogen macht und man sowieso ein irgendwie jazzmäßiges Ambiente hat. Daß letzteres in Britta Böhmer´s Club jedenfalls vom Interieur her (Saufkneipenmobiliar in treudeutscher Eiche-Imitation und Geldspielautomaten) nicht sehr arg hip `rüberkommt, kann man anscheinend wegstecken; der Club liegt in der City, sodaß man möglicherweise kein Auto braucht und Britta ist, man kann sagen was man will, jazzfreundlich eingestellt.
Was ihr sicherlich um so leichter gemacht wurde, indem allem Anschein nach mit ihr um Gagen nicht groß verhandelt, sondern „100-Mark-pro-Band“-Deals frank und frei Haus angeboten wurden. Genau dahin, bei allem Verständnis für das irgendwie heimelige Gefühl, für´s quintettweise Biertrinken noch mit zwanzig Mark bezahlt zu werden, zielt meine Kritik. Nochmals: „Jazzmusiker“ als Haupt-Beruf??
Übrigens: DM 19.- (pro Musiker) betrug die Abendgage bei den Monatsengagements noch Anno 1959 im Heidelberger „Cave“. Sie wurde 1960 zunächst auf DM 19,50 erhöht. (Hat mir Peter Kosch erzählt.) Es lebe der Fortschritt!

Ich möchte nicht versäumen, aus persönlichem Background zu ergänzen, daß ich in meiner „Phase der ersten Gigs“ auch schon ziemlich regelmäßig in Britta´s Club „Low-Budget-Gigs“ gespielt habe. Nämlich zunächst für achtzig Steine pro Person in ihrem ersten, d.h. nunmehr ungefähr viertletzten Laden, womit ich seinerzeit die geltende 100-Mark-Ethik zugunsten eines „steady-gig“ verletzt hatte (aber sie hat wenig später dann doch den Hunderter gezahlt). In ihrem vorletzten Club habe ich das regelmäßige (wöchentliche) „300-Mark-Trio“-Programm (incl. Werbung) organisiert und konnte dafür zweimal im Monat mit guten Trios spielen (na ja, so gut wie möglich eben).
Ich würde gern mit dem Hinweis auf den Umstand entsprechendes Nachdenken anregen, daß das nun locker mehr als zehn Jahre her ist (also ungefähr Mitte bis Ende der Achtziger).

In der hiesigen Jazz-Szene haben sich in letzter Zeit einige Leute profiliert, die ihre Inspirationen zur Politik des Spielens um jeden Preis offenbar aus dem, wie ich finde, egozentrisch-gedankenlosen Versuch bezogen haben, es „so wie in New York“ machen zu wollen. Der super-tolle New Yorker Stil soll wohl in "Spielen um jeden Preis" bestehen. Demnächst "pay to play" (wie in der US-Pop-Szene)? Eigentlich müßte man ja kaum Tiefgründigkeit investieren, um herauszufinden, daß es eines der am wenigsten nachahmenswerten Merkmale der New Yorker Jazz-Szene ist, daß dort das Gagen-Niveau kaum noch symbolischen Charakter hat.

Auch junge Musiker aus dem Umfeld der Musikhochschule betreiben mitunter eine ähnliche Politik. Ein verzwicktes Problem am Jazz-Hochschulstudium scheint zu sein, daß der übliche Studenten-Status mit finanzieller Unterstützung von Staat und/oder Eltern, günstiger WG und vielleicht einem vierzehn Jahre alten Ford Fiesta junge Leute dazu verleiten kann, sich ihre berufliche Zukunft selbst schwer zu machen. Jedermann will unbedingt spielen - (selbst-)verständlich! - aber die Sache mit den Taschengeld-Gigs hat einen Haken, der sich vielleicht beim Sammeln von Erfahrungen mit dem ganzen business aus dieser "Bafög-Perspektive" irgendwie schwer begreifen läßt. Denn: kaum ist man mit dem Studium fertig und möchte nun berufstätig werden, steht die nächste Studentengeneration parat, und die machen es gerade wieder genauso. So es ist doch wohl und das vergißt man zu leicht - bis zum Erwachen am Tag nach dem Diplom. Das ist ein Versuch einer Analyse bzw. Beschreibung und zunächst mal nicht wertend gemeint.

Ein Hochschul-Jazz-Diplom hat jedenfalls außer einer Art Schonfrist bis ebendahin und vielleicht noch für Bewerbungen an provinzstädtischen Musikschulen nicht eben viel Bedeutung - wenn die Schonzeit abläuft, dazu passend vielleicht noch der Luxus einer selbstgegründeten bürgerlichen Kleinfamilie mitsamt größerer Wohnung in´s Spiel kommt und das Auto sowieso erwartungsgemäß schlappgemacht hat, sieht es mit „symbolischen Gagen“ blitzschnell anders aus. Falls das Berufsbild in der persönlichen Ethik höher gehängt ist, als mitten in nicht besonders lieblichen Szenarios wie Gala-Band, Webber-Musical oder städtischer Sing- und Malschule landen zu wollen, wäre es nötig, über „Jazzmusiker als Beruf“ zu reflektieren, bevor die freie Rückseite des Diploms zur Fertigung von Demo-Etiketten herhalten muß ( ... im Falle eines Falles klebt Uhu wirklich alles).

Es liegt offenbar nicht recht im grundsätzlichen Interesse der Hochschul-Lehrkräfte, den erwähnten Illusionen über das Jazz-Diplom, die sich viele Studenten machen, hilfreich entgegenzuwirken. Mit solchen Diskussionen würde man ja auch den eigenen Job konterkarieren...
Anders ist kaum zu erklären, daß sich auch ein hiesiger Jazz-Professor (zusammen mit einer Hochschulstudenten-Band) auf Quartett-Gagen einläßt, die am ehesten dem historischen Stand entsprechen, auf dem er am Beginn seiner eigenen Karriere wahrscheinlich noch einen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Das spielt sich übrigens in einem Laden ab, der bis vor kurzer Zeit noch relativ ordentliche Gagen bezahlt hat. Wer nach diesem Dumping noch versucht hat, dort einen Job zum vorherigen Preis auszumachen, wurde mit den Worten „ich hab da jetzt Leute, die für´n Appel und´n Ei spielen“ abschlägig beschieden. Ist es ihm (dem „club owner“), vom groben Stil einmal abgesehen, etwa zu verdenken?
Es ist ein wohl schwer zu übersehender Widerspruch, wenn ein „Jazz-Professor“, kaum daß es ihm u. a. durch entsprechende Gehälter möglich wird, sich mit musikalischen Profilierungen in der Art eines Hobbys quasi in die "Bierjazz"-Fraktion einreiht und damit den Berufs-Status des Jazzmusikers zu untergraben hilft, andererseits davon lebt, Studenten auf ebendiese berufliche Laufbahn vorzubereiten.
Man hat vielleicht mit dergleichen rechnen müssen, seit jede Musikhochschule, die etwas auf sich hält, glaubt, ein Jazz-Department mitsamt Professoren-Stab unterhalten zu müssen, um sich ungeachtet jahrzehntelanger Verspätung mal wieder am Puls der Zeit zu empfinden. Trotz allem ist es noch überraschend, wenn einmal kein Zahnarzt oder Rechtsanwalt, sondern ein Musiker als Hobby-Musiker agiert.
Man mußte wohl gleichfalls damit rechnen, daß die akademische Erhöhung des Jazz mit seinen diplomgekrönten institutionalisierten Pflichtveranstaltungen bei den Studenten zu allerlei entsprechenden Illusionen über den Beruf führen kann. Wenn Lehrkräfte, die schließlich nicht als Lehrkraft auf die Jazz-Szene kamen und daher deren Gesetzmäßigkeiten gut kennen müßten, (zumindest zu einem Teil) hergehen und solcherlei Illusionen aktiv unterstützen, ist das schlicht verantwortungslos.
Gerade die Hochschulprofessoren, die nicht nach Abhaltung der Lehrveranstaltung in alle Himmelsrichtungen heimwärts streben, sondern im Einzugsbereich des Hochschulortes wohnen (was die Heidelberg-Mannheimer Jazz-Abteilung angeht, wird's da eng mit dem Plural), könnten eine wesentliche Bereicherung der lokalen Szene sein, falls sie eine Neigung aufbrächten, sich darin irgendwie förderlich oder sonstwie positiv zu betätigen. Das kann freilich kaum darin bestehen, daß man seine Musik quasi vor der eigenen Haustür zu Wegwerfpreisen anbietet.

Jeder Ansatz von solidarischem Verhalten, der in der Jazz-Szene so selten wie notwendig ist, kann leicht zerstört werden. Was kann man also sagen? Es wäre gut, miteinander in´s Gespräch zu kommen, um zu verhindern, daß sich die an und für sich relativ überschaubare Szene in kontrovers eingestellte Splittergruppen aufteilt und vielleicht bereits damit einen Schritt in die richtige Richtung zu tun. Jeder Versuch zählt!
Auf der ständigen Flucht vor Geld und Ruhm zu sein mag ein in Jazzmusiker-Kreisen nicht untypisches Verhalten sein - es ist jedenfalls an der Zeit, etwas daran zu ändern. Sonst geht das hier im Südwesten eigentlich bislang immer noch vergleichsweise „hohe“ (Jazz-)Gagen-Niveau ganz bestimmt und genauso fix den Bach `runter, wie es in anderen Regionen bereits erfolgreich genug exekutiert worden ist.


J. Schaedlich, März 1999

"Als gut gilt heute, was uns die Illusion gibt, daß es uns zu etwas bringen werde."
Robert Musil (1880 - 1942)

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Ergänzung (April 1999) zum meinem „Arbeitspapier“/Diskussionsvorschlägen („Zur aktuellen Situation der Jazz-Szene im Rhein-Neckar-Bereich“)

 

Das Thema scheint erwartungsgemäß allerhand Gedanken und Gefühle in Bewegung zu bringen - ähnliches gilt offenbar auch für mein „Diskussionspapier“, das zunächst, außer als Gedankensammlung für mich selbst, einigen Freunden und Kollegen zur Verfügung gestellt werden sollte. Da es eine weitere Verbreitung zu finden scheint, als ich ursprünglich geplant hatte - auch deshalb, weil ich mich mit etwas unsicherem (um nicht zu sagen ungutem) Gefühl auf Anfrage der IG Jazz einverstanden erklärte, es einigen Einladungen zur Diskussionsrunde der IG Jazz am 27.04. beilegen zu lassen - möchte ich versuchen, mir die Gelegenheit zu einigen kurzen „Vorab-Kommentaren“ zu verschaffen, um folgendes vorsorglich klarzustellen, damit die Diskussion, die ich mir - auch durchaus kontrovers - wünsche, nicht am eigentlichen Thema vorbeiläuft oder sich an mehr oder weniger unwesentlichen Seitenaspekten festhakt:

- ich habe definitiv nicht aus dem persönlichen Hintergrund geschrieben, mir irgendwelchen „Frust von der Seele zu schreiben“, sondern wollte in einem nicht zu trockenen, streng sachbezogenen Stil eine Diskussion vorbereiten helfen. Wo ich mir Dekorationen erlaubt habe, die ich für „humorig“ halte, gehe ich davon aus, daß sie (insbesondere) von Menschen, die mit der Materie vertraut sind, zumindest sinngemäß verstanden werden. Wo nicht, möchte ich - vor allem bei steigendem Verbreitungsgrad meiner Kommentare - unter schlichtem Hinweis auf die Pressefreiheit empfehlen, mit der sachbezogenen Diskussion fortzufahren
(Im Original als Fußnote: Ich nehme meine „literarischen Versuche“ längst nicht so ernst, wie zum Beispiel meine Musik. Bei entsetzlich dringendem Bedarf stehe ich natürlich für eine Debatte auch hierüber zur Verfügung. Aber erst nach der „eigentlichen“ Diskussion, wenn´s geht (und wenn´s denn wirklich pressiert!).

- Musikunterricht - hier insbesondere „jazzbezogen“ - halte ich definitiv nicht für obsolet oder sonstwas. Ich mache aber einen gewissen (gedanklichen) Unterschied zwischen dem Unterricht im Rahmen einer Musikschule und dem einer Hochschule (z. B. Konsequenzen betreffend, die sich in einer Live-Musik-Szene auswirken). Alles weitere dazu ist, glaube ich, in der „Live-Diskussion“ besser aufgehoben.

- aus der Kritik, „unter 100“ zu spielen, schließe ich mich nicht etwa aus. Ich habe das manchmal für nötig gehalten, um z. B. neue „connections“ aufzutun oder am nächsten Tag einkaufen gehen zu können und gestehe selbstverständlich jedem seine eigenen Beweggründe für dergleichen zu. Mir gehört eine von den auf der Feuerwachen-Jam-Session häufig gesehenen Nasen. Die Kritik an sich hat dadurch hoffentlich nicht weniger Berechtigung.

- zu Dingen, die weit eher ein Politikum als eine reine Privatsache darstellen, sollte man auch einmal Namen nennen dürfen. Wie gesagt, ich wünsche mir eine Diskussion auch durchaus kontrovers. Ich hoffe, darin glaubwürdig zu erscheinen, daß ich von persönlichen Animositäten sehr weit entfernt bin.- auf bestimmte Äußerungen, die ich persönlich für absurd halte, dennoch eine entsprechende, prophylaktische Antwort (um absurde Debatten zu verhindern): ich habe nichts gegen jazzende Zahnärzte, solange sie anständig saufen.

 

Johannes Schaedlich, 03.04.1999

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Nachtrag vom 11.08.2000 (nur Internet):

 

Die besagte "Dumping-Veranstaltungsreihe" in Heidelberg ist, nachdem Kritik laut wurde, zu einer Jam-Session umdeklariert worden.
Kurz nach der Fertigstellung dieses Textes habe ich erfahren, daß diese "Jam-Session" vom betreffenden Hochschulprofessoren und Leiter der Combo gegenüber der Heidelberg-Mannheimer Musikhochschule ganz offiziell als Lehrveranstaltung abgerechnet wurde. Seinen mickerigen Gagen-Anteil (40 Mark oder so) soll er trotzdem jedes Mal eingestrichen haben. Schade, daß ich das noch nicht wußte, als seine ungelenk formulierte, wütende Replik auf diesen Text kam.

Im Original dieses Textes hatte ich den Namen des hiesigen "Jazz-Professors" genannt. Wie schon gesagt, bin ich der Meinung, daß es legitim ist, bei politischen Angelegenheiten/Diskussionen auch mal Namen zu nennen. Bei dieser (im Internet) vorliegenden Version habe ich jedoch darauf verzichtet. Ich hoffe, damit beigetragen zu haben, daß dieser Teil der ansonsten, wie gesagt, wünschenswerten Kontroverse auch mal wieder ein Ende findet.
Ansonsten habe ich, abgesehen von wenigen kleinen Überarbeitungen, praktisch keine weiteren Änderungen vorgenommen.

 

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